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Freiheit in Paris und Minsk

Bremen, 25.03.2006,

Vorwort:

Die nationalistische weißrussische Opposition rief für den heutigen 25. März zu einer Demonstration in Minsk auf. Sie wollte vor allem daran erinnern, dass Weißrussland am 25. März 1918 unter Oberbefehl Kaiser Willhelms auf der Grundlage des Vertrages von Brest-Litovsk zur ersten westlich orientierten "Volksrepublik" des damaligen russischen Territoriums wurde.

Ende des Vorwortes

Zwei potentiell revolutionäre Strömungen dominieren zur Zeit die westlichen Medien, eine in Minsk in Weißrussland und eine in Paris in Frankreich, die allerdings nicht auf Paris beschränkt ist.

Die hiesigen Medien berichten in beiden Fällen von "zehntausenden", mit Bezug auf Frankreich meint man damit 1,5 Millionen, mit Bezug auf Minsk etwa 350 Personen, falls über die revolutionären Demonstrationen in Frankreich überhaupt berichtet wird..

Nun sollte man in Zeiten der Pisa-Studie nicht voraussetzen, dass hiesige regierungsgenehme Journalisten über einen anwendungstauglichen Zugang zu den Grundrechenarten verfügen, zumal viele eng angeschlossen an "Reporter ohne Grenzen" arbeiten, eine Organisation, die stolz verkündet, auf der Gehaltsliste des US-Außenministeriums zu stehen und deshalb die absolute Wahrheit auch ohne Recherche zu kennen.

Kümmern wir uns nicht weiter um solche Details, sondern hoffen wir, dass es den Demonstranten in Paris und Minsk tatsächlich um Freiheit geht.

Die grundlegendste Freiheit ist die Freiheit von Hunger, um diese Freiheit scheint es den Demonstranten in Frankreich zu gehen, denn der von der dortigen Regierung beschlossene totale Wegfall des Kündigungsschutzes für unter 26-jährige bedeutet eben auch, dass diese für jeden Lohn arbeiten müssen, da sonst die Kündigung droht, Tariflöhne und Mindestlöhne werden so zur Farce wie auch der Schutz gegen sexuelle Übergriffe der Arbeitgeber hinfällig ist.

Solche existentiellen Probleme müssen die Demonstranten in Minsk nicht beschäftigen, dort liegt die Arbeitslosigkeit bei 1,5 Prozent, also nur bei einem Zwanzigstel der Arbeitslosigkeit unter französischen Jugendlichen. Löhne, Sozialleisungen und Renten werden pünktlich gezahlt und scheinen für einen gewissen Wohlstand zu reichen, zumal wenn ich die in Pelzjacken und westlicher Markenkleidung gewandten Demonstranten in Minsk betrachte.

Die Freiheit, die in Minsk gefordert wird, ist die, jederzeit an jedem Ort die Meinung der großen westlichen Konzerne vertreten zu können und die Freiheit, Menschen das zum Leben notwendige vorenthalten zu können, wie dies schon als Folge der orangenen Revolution in der Ukraine geschieht. Diese Freiheiten sind in Weißrussland in der Tat nicht gegeben, Turbokapitalismus gilt dort zu Recht nicht als Meinung sondern als Verbrechen und wird entsprechend geahndet.

Natürlich ist die in Weißrussland im Gegensatz zu Frankreich vorhandene Freiheit vor Hunger keine Freiheit, die von unseren Medien positiv gewertet werden darf, ansonsten kommt das US-Außenministerium mit der Zahlung in Verzug und das schöne Leben der "Reporter ohne Grenzen" ist passé.

Kein Wunder also, dass das Schwenken der Unterdrückerfahne der EU in Minsk als besonders bewundernswert dargestellt wird, denn was haben wir denn der EU nicht alles tolles zu verdanken, von der Armutsprostitution an den Europastraßen in Polen und Tschechien bis hin zu den konkurrenzlos günstigen ukrainischen Zwangsprostituierten in Deutschland. Die Lissabon-Agenda 2010 mit ihrer Forderung nach Abschaffung von Arbeitnehmer- und Menschenrechten nicht zu vergessen, und auch nicht die von SPD und CDU geplante Vergnügungssteuer für Waldspaziergänge.

Gut, dass unsere Medien so positiv über die radikal-kapitalistischen Revoluzzer in Minsk berichten und die Demokraten in Frankreich dauernd mit Dreck bewerfen, denn Freiheit von Hunger ist nun wirklich das letzte, was wir in der EU gebrauchen könnten...

Zum Abschluss eine kleine Denksportaufgabe. Stellen Sie sich einmal vor, auf dem Gelände vor dem Reichstag in Berlin würden wenige hundert Angehörige einer Fundamentalopposition ein Zeltlager aufschlagen, die Abschaffung des Grundgesetzes und die Ermordung des Staatsoberhauptes fordern. Würde es Ihrer Meinung nach mehr als vier Tage dauern, bis paramilitärische Verbände des Innenministeriums mit der Räumung des Zeltlagers beginnen, und wie schätzen Sie das Gewaltpotential genannter Paramilitärs ein?

 

Tipp 1: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20052/1.html (Reporter ohne Grenzen auf der Gehaltsliste des US-Außenministeriums)

Tipp 2: http://jungewelt.de/2006/03-25/027.php (Die Wahlen in Weißrussland, geschildert von jemandem, der nicht im Dienst der CIA steht)

Tipp 3: http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/56289 (Ein angekündigter Umsturzversuch 19.03.2006)

Tipp 4: Frankreich: Neues Übergriffsrecht CPE provoziert Demokraten

Tipp 5: Zwangsprostitution

Tipp 6: http://en.wikipedia.org/wiki/Belarusian_People%27s_Republic (Gründung der Nationalen Republik Belarus am 25. März 1918 auf der Grundlage des Vertrages von Brest-Litovsk unter der deutschen Besatzungsmacht)

Tipp 7: Ukraina omnia est divida in partes tres...


URL dieser Seite: http://www.stattnetz.de/politik/artikel/freiheit_2006.htm

 

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Christian Wetter 25.03.2006

 
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