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Heerstraßen bauen mit Hartz IV...

Bremen, 27. 11. 2006

Prolog

Gemeinnützige Arbeit muss endlich menschenwürdig entlohnt werden, Ein-Euro-Jobs und ABM im Niedrigtslohnbereich sind der komplett falsche Weg. Teilhabe an den Betriebsräten, Streikrecht, hohe Mindestlöhne und absolute Freiwilligkeit sind klare Notwendigkeiten.

Ende des Prologes

Eine lustige Selbstbeweihräucherung der Profiteure von Hartz IV sollte die in einen "Tag der offenen Tür" eingebundene Übergabe eines Qualitätsmanagement-Zertifikates durch eine Senatorin bei einem der größten Bremer Beschäftigungsträger werden.

Die zu Zwecken der Einschleimerei geladene Senatorin kam allerdings nicht, da eine Veranstaltung ihrer Partei dann doch wichtiger war. Das grob auf Kosten von zehntausend Euro zu schätzende Ereignis verlor allein schon dadurch einen Großteil seiner geplanten Wirkung.

Vollends konterkariert wurde die geplante Positivdarstellung des Beschäftigungsträgers durch überwiegend dümmliche, oft mit einem Touch zum rechtsextremen Populismus versehene Reden, deren Grundtenor man nur mit "Arbeit macht frei" wiedergeben kann.

Der Prüfer der privaten Zertifizierungsstelle verstieg sich denn auch während seines vom autoritären Geist des Antimenschen geprägten Gebrabbels zu dem ständig wiederholten Topos "Heerstraßen bauen und Sümpfe trocken legen". Und dies nachdem einer der Vorredner schon die Wichtigkeit der Ein-Euro-Jobs in der staatlichen Infrastruktur betonte und dafür den Zwischenruf "Autobahn" kassierte. Der "Heerstraßen-Fetischist" als sprechende Realsatire erntete dann auch die sich in Lachanfällen äußernde verdiente Heiterkeit der freien Berichterstattung.

Eine Rednerin meinte es gut, und betonte die Wichtigkeit der Qualifizierung von Erwerbslosen, womit sie inhaltlich Recht hatte, aber wohl die Sachlage beim Beschäftigungsträger nicht kannte. Es sind Fälle bekannt, in denen Ein-Euro-Jobbern berufliche Qualifizierungen versagt wurden, weil angeblich kein Geld da sei. Zehntausend Euro für eine Einschleimparty waren allerdings vorhanden, mit Sicherheit entnommen dem Topf für "Regiekosten" der Ein-Euro-Jobs.

Ein verantwortungstragender Mitarbeiter höherer Gehaltsklasse des Trägers forderte denn auch, von allen erwerbslosen Jugendlichen einen Dienst in Form der Zwangsarbeit bei Beschäftigungsträgern abzuverlangen und griff die Bremer Debatte um Zwangsumzüge dahingehend auf, daß man mit "Zuverdienstmöglichkeiten" auf angemessenes Wohngeld verzichten könne. Die schlichte Wahrheit, daß es nie möglich sein wird, die von Zwangsumzügen bedrohten tausenden von Bremer Haushalten durch für Beschäftigungsträger lukrative Zuverdienstmöglichkeiten aus Not und Elend zu befreien, wurde mal wieder ignoriert.

Die Intention war klar, durch den Ankauf vieler Immobilien stark verschuldet, braucht dieser Beschäftigungsträger die Regiekosten möglichst vieler Ein-Euro-Jobber um seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen zu können. Verkauft wird diese durchschaubare Taktiererei als soziale Wohltat. Die Zahl der durch diese für die Beschäftigungsträger lukrativen Ein-Euro-Jobs vernichteten Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt kann nicht annähernd geschätzt werden. Es sind mit Beschäftigungsträgern verbandelte Unternehmen bekannt, die einen festen Mitarbeiter nur damit beschäftigen, die in die Dutzende gehende Schar von Ein-Euro-Job-Praktikanten zu überwachen. Denn in Bremen gilt es als chic, daß der Zoll nicht wegen Schwarzarbeit kontrolliert, wenn Ein-Euro-Jobber ihren Zwangsdienst in der freien Wirtschaft leisten. Lohndumping um jeden Preis ist die Devise, so nannte ein in Bremen stadtbekannter Geschäftsleiter in einem Zeitungsinterview am 25.11.'06 Stundenlöhne von einem Euro angemessen und lehnte Mindestlöhne ab!

Aus Angst vor demokratischen Kritikern wurden bei der abendlichen geschlossen Gesellschaft der Profiteure an der Massenarmut auch Ein-Euro-Jobber als Türsteher und Rausschmeißer engagiert, in deren Tätigkeitsbeschreibungen ihrer Ein-Euro-Jobs solche nicht risikoarme Arbeit sicherlich nicht zu finden sein dürfte. Ohne jede Absicherung hat der Beschäftigungsträger diese jungen Menschen ihre Köpfe für die dunklen Machenschaften der Armutsprofiteure hinhalten lassen.

Aber wer sich ohne Protest von dumpfen Rednern als Erbauer von Heerstraßen feiern läßt, dürfte in seiner niedrigen Ethik so gestrickt sein, daß er Arbeitslose auch für ganz andere Sachen den Kopf hinhalten läßt.

Von den Autobahnen und Flußbegradigungen des Reichsarbeitsdienstes bis zu den "Heerstraßen und trockengelegten Sümpfen" des Ein-Euro-Dienstes weht eine stinkend braune parteipolitische Tradition durch unser Land, gegen die wohl nur noch entschlossenes Handeln auf der Grundlage des Artilel 20 unseres Grundgesetzes Entscheidendes wird ausrichten können.

Tipp 1: Der "Sinn" des Sozialraubes: Krieg (Stattnetz-Artikel vom 15.08.2004)

Tipp 2: Das Soldatenkraftwerk (Stattnetz-Artikel vom 21.05.2006)

Tipp 3: Hartz IV löst nur Leid aus! - Götz Werner im Interview (externer Link, taz.de, Ausgabe vom 27.11.2006)

Tipp 4: Immer tiefere Löhne, noch weniger Gewinnsteuern - Deutschlands Dumping legt Europas Aufschwung lahm (externer Link, www.blick.ch, Ausgabe vom 11.11.2006)

Tipp 5: 9000 Zwangsumzüge (Stattnetz-Artikel vom 28.09.2005)

Tipp 6: Fast 17 Millionen Arbeitslose in der BRD (Stattnetz-Artikel vom 11.05.2006)

Tipp 7: Die Gratis-Konkurrenz - Wie Ein-Euro-Jobs Arbeitsplätze vernichten (externer Link, www.zeit.de, Ausgabe vom 01.06.2006)

P.S.: Der Beschäftigungsträger wird nur deshalb nicht namentlich genannt, weil die Bereicherung an der Armut anderer kein singuläres Phänomen eines einzelnen Trägers ist, sondern ideologische Grundhaltung des gesamten "Reichs-Ein-Euro-Dienstes".

Epilog

Gemeinnützige Arbeit muss endlich menschenwürdig entlohnt werden, Ein-Euro-Jobs und ABM im Niedrigtslohnbereich sind der komplett falsche Weg. Teilhabe an den Betriebsräten, Streikrecht, hohe Mindestlöhne und absolute Freiwilligkeit sind klare Notwendigkeiten.


URL dieser Seite: http://www.stattnetz.de/politik/artikel/heerstrassen_hartz.htm

 

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Christian Wetter 27. 11. 2006

 
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